Ich hatte mich im Zuge meines Studiums schon des Öfteren mit Teilbereichen der Sozialpolitik deren Durchführungen, beschäftigt. Immer wieder stieß ich auf Punkte, die weiteren Klärungsbedarf in Form von Nachforschungen nötig hatten. Um mir weitere Grundlagen, zu schaffen belegte ich im Sommersemester 2010 / 2011 das Seminar „Einführung in die Sozialpolitik“. Wir beschäftigten uns mit den Themenfeldern Altersvorsorge, Gesundheitspolitik, Pflege, Arbeitsmarktpolitik, Sozialhilfe, Familienpolitik und Soziale Dienste. Auch hier kamen wir des häufigeren zur Erkenntnis, dass die durch den Staat geregelten Leistungen nicht ausreichend oder stark verbesserungswürdig seien.
Diese Problematik griff ich in meinem Referat „Macht und Möglichkeiten Sozialer Arbeit in der Sozialpolitik der BRD“ auf. Mir war es wichtig, erste Überlegungen anzustellen, in welchem Rahmen Soziale Arbeit als Profession agieren und die gegebenen Rahmenbedinungen verändern kann.
Inhalt
1 Macht und Akzeptanz
2 Soziale Arbeit als Dienstleistung
3 Repolitisierung
1 Macht und Akzeptanz
Um sich mit Macht und Möglichkeiten Sozialer Arbeit (SozArb) in der Sozialpolitik der BRD auseinandersetzen zu können, bedarf es zunächst einer kurzen Definition von Macht.
Macht
Soziologisch ist Macht ein viel diskutierter Begriff. Die bekannteste Definition ist von Max Weber, der Macht als „die Summe von Mitteln und Fähigkeiten, eigene Absichten durchzusetzen.“ sowie „Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ definiert. Akteure einer Gesellschaft, die Macht haben, gestalten das Recht. Dieses wird in der BRD kontrolliert und durchgesetzt durch Polizei und Gericht (vgl. wissen.de o.J.).
Um der Willkür der Machtinhaber vorzubeugen und unsere Demokratie zu schützen gibt das deutsche Grundgesetz in der sogenannten Ewigkeitsklausel nach Artikel 79 (3) GG eine gewisse Restriktion gegen die Verhältnismäßigkeit „Macht vor Recht“.
Zu bemerken ist, dass die „Machtmenge“ einer Gruppe „ […] nicht der Gruppe insgesamt, sondern einzelnen Individuen zuzuordnen“ ist. Nach Weber (vgl. Bayer / Mordt 2008: 95) kommt es also auf die Durchsetzungsfähigkeit der einzelnen Akteure an.
Akzeptanz Sozialer Arbeit in der Gesellschaft
Im nächsten Schritt beleuchte ich die gesellschaftliche Anerkennung Sozialer Arbeit innerhalb der BRD. Der DBSH veröffentlichte 2004 eine Studie zu „Stellenwert und Funktionen der Sozialen Arbeit im Bewusstsein der Bevölkerung Deutschland“. Inhaltliche Schwerpunkte dieser Studie sind der allgemeine Stellenwert Sozialer Arbeit und ihrer Finanzierung. Etwa 58,5% der Befragten ordneten die Soziale Arbeit auf einer Spanne zwischen „überflüssig“, „eher unwichtig“, „auch noch wichtig“ und „besonders wichtig“ gesamtgesellschaftlich als „besonders wichtig“ ein. 34,75% votierten mit „auch noch wichtig“. Das ergibt eine positive Einordnung der Tätigkeiten Sozialer Arbeit von Insgesamt 93,25%. Zudem sehen weit über 65% der Befragten Soziale Arbeit auch als Möglichkeit, die Folgen des Konkurrenzkampfes in der Gesellschaft zu mildern und Kriminalität zu vermeiden. 51% würden mehr öffentliche Mittel für SozArb ausgeben, 8% weiter sparen. (vgl. Nodes 2004: 4 ff.)
Als bemerkenswert stellte sich heraus, dass vor allem jüngere Befragte (unter 29 Jahre - konservativ-materialistisch geprägt) der SozArb ausgeglichene Wirkung und Funktion öfter abstreiten als Ältere. Außerdem ist der finanzielle Kürzungswunsch bei Menschen mit „bescheidenen“ und „überdurchschnittlichen Lebenslagen“ ist am höchsten (19% und 18%). Häufig kritischer gesehen wird die SozArb von ihrem möglichem Klientel. Bevölkerungsgruppen mit höherem Einkommen und guter Bildung schätzen Instrumente der SozArb eher positiv ein. „Das Bild des Gutverdienenden, nur an sich selbst denkenden Menschen, der für die Anliegen der Sozialen Arbeit nicht angesprochen werden kann, muss an dieser Stelle korrigiert werden“ (vgl. Nodes 2004: 2 ff.).
Abschließend lässt sich jedoch sagen, dass die berufliche Tätigkeit der Sozialarbeiterinnen, aufgrund ihres Einsatzes für Schwache und Ausgegrenzte, von einer übergroßen Mehrheit (85%) bewundert wird. Es herrscht eine sehr hohe gesellschaftliche Akzeptanz vor. (vgl. Nodes 2004: 9)
2 Soziale Arbeit als Dienstleistung
Bei aller gesellschaftlichen Akzeptanz ist die Realität der „Macht- und Möglichkeitenfrage“ eine andere. Soziale Arbeit, mit all ihren Inklusions- und Integrationsgedanken, entwickelt sich mehr und mehr vom „institutionalisierten sozialen Gewissen“ hin zu einer „Exklusionsverwaltung“. Dieses wird auch maßgeblich von der Politik beeinflusst, öffentliche Mittel werden gekürzt und im gleichen Schritt Marktprinzipien eingeführt. „Neue Steuerung, Budgetierung, Kontraktmanagment [und] Qualitätsmanagment“ sind da nur einige Stichworte, die eine „dem Markt entlehnte Wettbewerbs-, Konkurrenz- und Effizienzlogik“ charakterisieren (vgl. Galuske 2004: 62 ff.). Bestehende gesellschaftliche Werte und Verbindlichkeiten (Recht, Solidarität, Bedürftigkeit) werden aufgeweicht. Der Mensch wird zur Ressource-Humankapital (vgl. Somm 2009: 95 f.).
Problemdiskurs
Soziale Arbeit steht zunächst einmal vor der Aufgabe „ihre Aufgabenzuschreibung und die damit verbundenen politischen Legitimation neu zu bestimmen und sich entsprechend markant (politisch) zu positionieren“ (Kessel / Otto 2009: 18). Dies muss erst einmal nach innen gerichtet passieren. Soziale Arbeit muss sich der eigenen Ethik bewusst werden und darauf basierende Leitdiskurse führen. „Soziale Arbeit kann dabei keine moralische Praxis sein. Allerdings bedarf Soziale Arbeit ethischer Rahmungen in ihrer Praxis, damit sie Gutes tun kann und nicht an den Menschen und deren Leben vorbei geht. Würde sie sich von diesen Rahmungen gänzlich verabschieden ginge dies letztlich nur für den Preis einer völligen Identitätsumwandlung [...]“ (vgl. Lutz 2009: 39).
Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession muss unabhängige politische Arbeit leisten und „[…] ihre >>professionelle Sicht der Dinge<< […]“ im politischen Geschehen einbringen (vgl. Staub-Bernasconi (2009: 35 f.). Im diesen Sinne muss sie „Ökonomisierung, Privatisierung, Destabilisierung und Flexibilisierung des Sozialstaates“ entgegen treten. „Das Plädoyer goutiert die Rolle der Sozialen Arbeit als Schalk im Nacken der neoliberalen Modernisierer“ (vgl. Thole 2003, S. 38). Dabei ist wichtig mehr als nur aus dem Affekt heraus zu handeln. „Leistungsentwertende“ Faktoren müssen zunächst identifiziert werden. Der Markt darf nicht als gesetzte Größe akzeptiert sondern kritisch betrachtet werden, um Handlungs- und Einflussmöglichkeiten Sozialer Arbeit gewährleisten zu können (vgl. Somm 2009: 97).
3 Repolitisierung
Wenn wir uns an dieser Stelle einmal zurück an die Machtdefinition erinnern, stellen wir fest, dass es bei Macht und deren Durchsetzung auf die Einzelakteure der jeweiligen Gruppe ankommt.
Herrmann und Stövesand (2009: 196 ff.) geben einen kurzen Abriss über die Problematiken, die sich in einem möglichen Repolitisierungsprozess stellen. Zu beleuchtende Akteure sind Praktikerinnen, Auszubildende und Ausbilderinnen. Von der Praxis sei zu berichten, dass sich Einrichtungen, die sich der Neuausrichtung hin zu Kontrolle und Sanktion widersetzen, unter Umständen ihre Existenz gefährden. Als Beispiel wird ein Jugendhaus in Hamburg angegeben, dessen Mittel nicht mehr gedeckt werden konnten, weil die inhaltliche Ausrichtung der Arbeit nicht mit der des öffentlichen Geldgebers konform gingen. Studierende sähen sich ähnlichen Kontrollzwängen ausgeliefert. „Zunehmend geht es [...] um >>Employabillity<< statt um Bildung und kritisches Reflektionsvermögen“. Selbstverwaltung gerate immer mehr in den Hintergrund. Verantwortlich dafür seien Bachelor- und Master-Studiengänge mit ihren strengen Reglementierungen. Bei den Praktikerinnen könne man ähnliche Tendenzen beobachten. „Gewerkschaften, DBSH oder informelle Zusammenschlüsse“ würden sich nicht über Massenzuspruch freuen. Verantwortlich dafür seien jahrelanges Engagement in aktivistischen Gruppierungen mit nur „magerem Erfolg“. „Abwehrkämpfe, Repression, persönliche[...] Zerwürfnisse[...], [und] Zähigkeit des Bekämpfens“ seien Gründe dafür. Auch auf öffentlicher institutioneller Ebene scheint eine kritische Soziale Arbeit nicht gewollt zu sein. „[...] In einer Stellungname von 1977, dem sog. Städtepapier, kritisierten [...]“ die kommunalen Spitzverbände unter anderem eine Politisierung der Ausbildung Sozialer Arbeit in Fachhochschulen, die zu Loyalitätsverlust gegenüber Arbeitgeberinnen und der BRD führen würden. Die Bedingungen in Hochschulen gäben unter ihren aktuellen Merkmalen von Leistungsdruck und Wettbewerb um Forschungsgelder, auch nicht den nötigen Rahmen für kritische Arbeiten.
Reflektierte Unfügsamkeit
Folglich ist für die Profession Soziale Arbeit eine „Repolitisierung“, ein „Nicht-Einverstanden-Sein“ und eine daraus resultierende „reflektierte Unfügsamkeit“ nötig (Herrmann und Stövesand 2009: 198).
Wie bereits erwähnt, muss eine Werte- und Normendiskussion stattfinden. Soziale Arbeit muss sich vernetzten, über sich selbst bewusst werden und daraus gestärkt, füreinander einstehend auftreten. Neue Handlungsformen der Interessenvermittlung und Vertretung müssen entwickelt werden. Um mehr politischen Einfluss und somit Macht zu erlangen, ist es ebenso notwendig Bündnispartner mit ähnlichen Zielen wie Gewerkschaften, zu finden. Herrmanns und Stövesands dazu: Soziale Arbeit muss mit ihren „[...] Akteurinnen, den politischen Charakter ihres Handlungsfeldes [...] thematisieren, ihre eigene vorgebliche Neutralität aufgeben, die Verstrickungen in herrschende Zustände [...] hinterfragen, [...] veröffentlichen und die [...] Möglichkeiten der Veränderung koordinieren und widerständig [...] nutzen“ (vgl. Herrmann und Stövesand 2009: 198).
4 Fazit
Wenn ich nun noch einmal persönlich Rückschau auf die gesamte Erarbeitungsphase von Idee bis zur Anfertigung dieser Ausarbeitung halte, fällt mir auf, dass es ein sehr komplexes Thema ist. Ich möchte dies noch einmal näher erläutern. Bei anfänglicher Näherung fiel mir auf, dass viele Texte, sehr veraltet waren. Neue Texte orientierten sich eher an Sozialen Dienstleistungen. Erst bei genauerer Betrachtung, Sichtung von Details und der Diskussion mit meinem Dozenten und dem Seminar wurde es einfacher, Teilaspekte zu finden. Diese Teilaspekte zeigten sich jedoch in sehr mannigfaltiger Form. So entschied ich mich dazu, zunächst einen Überblick zu entwerfen, um möglichst viele Bereiche in mein Blickfeld zu bekommen. Eine weitere Vertiefung, speziell im Bereich der Möglichkeiten zur Repolitisierung ist sicherlich von nöten.
Aus meiner Sicht und der vorliegenden Begründung wird klar, dass wenn wir als SozialarbeiterInnen nicht selbst entscheiden, wofür und für wen wir arbeiten, andere dies für uns tun. Und das ist beim derzeitigen Stand des Umbaus unseres Wohlfahrtsstaates (vor allem aus Sicht der Menschenrechte) nicht wünschenswert.
Literatur:
Bayer, Michael / Mordt, Gabriele (2008): Einführung in das Werk Max Webers; Wiesbaden:VS Verlag für Sozialwissenschaften
DBSH (2009): Berufsbild für Sozialarbeiter/innen und Sozialpädagogen /innen (mit den Abschlüssen Diplom, Bachelor und Master) (http://www.dbsh.de/Berufsbildnovellierung-Endfassung_Jan_2009.pdf letzter Zugriff 01.09.2011)
DBSH (o.J.): ForumSOZIAL – die Zeitschrift der Sozialen Arbeit und Praxis. (http://www.forum-sozial.de letzter Zugriff 03.09.2011)
Galuske, Michael (2004): Auf dem Weg in das „zweite sozialpädagogische Jahrhundert“?. Anmerkungen zur Zukunft Sozialer Arbeit in der reflexiblen Arbeitsgesellschaft; In: Bock, Karin / Thole, Werner (Hrsg.): Soziale Arbeit und Sozialpolitik im neuen Jahrtausend; Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 45 – 71
Herrmann, Cora / Stövesand, Sabine (2009): Zur (Re-)Politisierung Sozialer Arbeit – Plädoyer für eine reflexive und koordinierte „Unfügsamkeit“; In: Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven; Weinheim und München: Juventa Verlag, S. 191 – 206.
Kessel, Fabian / Otto, Hans-Uwe (2009): Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? In: Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven; Weinheim und München: Juventa Verlag, S. 7 – 21.
Lutz, Ronald (2011): Das Mandat der Sozialen Arbeit; Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 23 – 40
Nodes, Wilfried (2004): Stellenwert und Funktionen der Sozialen Arbeit im Bewußtsein der Bevölkerung Deutschland (http://www.dbsh.de/DemoscopeStudie.pdf letzter Zugriff 01.09.2011)
Somm, Irene (2009): Leistung, die (nichts) zählt. Soziale Dienstleistungen jenseits der Leistungsgesellschaft; In: Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven; Weinheim und München: Juventa Verlag, S. 87 – 100.
Staub-Bernasconi, Silvia (2009): Der Professionalisierungsdiskurs zur Sozialen Arbeit (SA/SP) im deutschsprachigen Kontext im Spiegel internationaler Ausbildungsstandards Soziale Arbeit – eine verspätete Profession; In: Professionalität in der Sozialen Arbeit. Standpunkte, Kontroversen, Perspektiven; Roland Becker-Lenz, Stefan Busse, Gudrun Ehlert und Silke Müller (Hrsg.); Wiesbaden: 2 Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 21 - 45
Thole, Werner (2003): Eine Gesellschaft ohne Soziale Arbeit ist nicht gestaltbar, in: Sozial Extra 10/2003; S. 31 – 38
wissen.de (o.J.): Macht. Wissen Media Verlag.
(http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/bildung/index,page=
1192612.html letzter Zugriff 01.09.2011)
omg
AntwortenLöschenja dann kann die Revoluton ja beginnen !!! :)
sehr gut
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